Über ehrliche Materialien, Imitate und die stille Sehnsucht nach Echtheit
Die Ästhetik von Severance und was sie in mir auslöst
Die Serie Severance auf Apple TV+ erzählt nicht nur eine dystopische Geschichte über das geteilte Selbst – sie inszeniert eine Welt, die mich ästhetisch tief berührt. Klare Linien, abgestimmte Grüntöne, Holzvertäfelungen, einfache Texturen: All das schafft eine Atmosphäre von Ordnung und Ruhe, aber auch Entfremdung. Es ist eine künstliche Welt – und gerade deshalb so faszinierend.
Mein Interesse an dieser Ästhetik – und überhaupt an den 70er Jahren, an Cassette Futurism, an Mid-Century-Design – ist kein Retro-Fetischismus. Es geht mir um etwas Tieferes: die Art, wie Materialien damals eingesetzt wurden. Wie sehr Form und Funktion zusammengehörten. Wie sehr Dinge noch meinten, was sie sagten.
Die 60er-70er: Als Materialien noch Haltung hatten
Die 1960er bis 1970er Jahre stehen für mich stellvertretend für eine Designhaltung, in der neue Materialien wie Kunststoff oder glasfaserverstärkter Kunststoff nicht dazu genutzt wurden, andere Materialien zu imitieren – sondern um etwas Neues zu ermöglichen. Der Ball Chair von Eero Aarnio wäre ohne diese Werkstoffe undenkbar gewesen. Das war kein Stilbruch, sondern eine gestalterische Konsequenz: Das Material machte die Form.
Gleichzeitig wirkten in dieser Zeit noch starke Einflüsse der funktionalen Moderne nach – insbesondere das Erbe des Bauhauses und der Hochschule für Gestaltung Ulm. Designer wie Dieter Rams verkörperten eine Ethik des Produktdesigns, die Form und Funktion in eine ehrliche Beziehung setzte. Rams’ Prinzipien wie „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich“ oder „Gutes Design ist ehrlich“ wurden zu Maßstäben.
Selbst Unternehmen wie Apple griffen in ihren frühen Jahren auf diese Denkweise zurück. Geräte wie der Apple II oder der erste Macintosh waren nicht nur funktional durchdacht, sondern auch formal reduziert – mit klaren Linien, dezenten Farben und einer Formsprache, die deutlich an Braun-Designs der 60er und 70er erinnerte. Auch hier: keine Imitation, sondern eine eigenständige Gestaltung aus dem Geist des Materials.
Diese Klarheit spricht mich an. Nicht, weil ich alles Alte verkläre – sondern weil ich den Eindruck habe, dass wir heute zu oft vergessen haben, was Dinge eigentlich sind.
Wenn Plastik Holz spielt
Ich habe eine persönliche Abneigung gegen Kunststoff in Holzoptik. Nicht, weil ich Kunststoff pauschal ablehne. Sondern weil er hier vorgibt, etwas zu sein, das er nicht ist. Er sieht nicht aus wie Holz – er sieht aus wie der Versuch, Holz zu imitieren. Das Ergebnis ist weder ehrlich noch schön. Es ist glatt, aber ohne Tiefe. Beständig, aber ohne Würde.
Es geht mir dabei weniger um das einzelne Objekt als um das Prinzip: Wenn wir anfangen, Materialien zu verbergen oder zu verkleiden, verlieren wir das Vertrauen in das, was Dinge eigentlich bedeuten könnten.
Kunstpflanzen: Das stille Symbol einer großen Verdrängung
Ein noch deutlicheres Beispiel für diese Entwicklung sind für mich Kunststoffpflanzen. Sie stehen sinnbildlich für den Versuch, das Leben durch etwas vollständig Totes zu ersetzen. Eine echte Pflanze produziert Sauerstoff, reguliert das Raumklima, verändert sich, lebt. Eine Kunstpflanze dagegen besteht aus petrochemisch erzeugtem Plastik, kann Mikroplastik abgeben, ist CO₂-intensiv in der Herstellung – und wird irgendwann zu problematischem Abfall.
Und dennoch steht sie da, in vielen Wohnungen. Als beruhigendes Zeichen: „Hier ist Leben.“ Aber es ist ein falsches Leben. Eine Geste der Verdrängung.
Diese Logik ist nicht neu – sie zeigt sich auch in Fast Fashion, Wegwerf-Möbeln, Billigdekoration. Hauptsache, es sieht irgendwie gut aus. Für den Moment. Fürs Auge. Für die Illusion.
Ich verstehe, dass Menschen unter Druck stehen – zeitlich, finanziell, mental. Niemand trifft diese Entscheidung aus Bosheit. Aber wir sollten anerkennen, dass diese kleinen Kompromisse unser Verhältnis zur Welt verändern. Wenn wir beginnen, Leben durch Nachbildung zu ersetzen, weil uns die Pflege zu anstrengend ist, verlieren wir vielleicht mehr als nur ein bisschen Atmosphäre – wir verlieren unsere Bereitschaft zur Beziehung mit den Dingen.
Das ist kein Dogma. Keine Forderung nach Askese. Es ist ein Wunsch nach Bewusstheit. Danach, auch das Unbequeme, das Pflegebedürftige, das Echte wieder in unsere Räume zu lassen.
Zwischen IKEA und Idealen
Ich glaube nicht, dass alle Möbel aus Massivholz sein müssen – ich selbst besitze Möbel von IKEA. Es ist eine Value-Proposition, die schwer zu schlagen ist: Ein einfacher Schrank mag nicht die Qualität einer handgefertigten Tischlerarbeit haben, aber er erfüllt vielleicht 80 % derselben Funktion für 20 % des Preises. Das ist das Paretoprinzip in seiner reinsten Form.
Und doch bleibt die Frage: Was kostet uns diese Vereinfachung auf lange Sicht? Selbst wenn der Preis stimmt, ist die Total Cost of Ownership oft höher – wenn Dinge schneller altern, zerfallen oder ersetzt werden müssen. Noch schwerer wiegt der kulturelle Preis: Wir gewöhnen uns daran, Dinge nicht mehr zu pflegen, sondern zu ersetzen. Wir verlernen, in langfristigen Beziehungen zu Dingen zu denken.
„Ehrliche“ Möbel, Kleidung, ja: ein ehrliches Leben – das ist teuer. Oder zumindest: nicht einfach. Es braucht Zeit, Pflege, Verantwortung. Und nein – früher war nicht alles besser. Die ikonischen Bilder aus Designmagazinen der 70er Jahre zeigen Wohnungen wohlhabender Menschen. Das damalige Designverständnis war nie Mainstream.
Aber sollten wir deshalb feiern, dass heute jeder sich etwas Schönes leisten kann – auch wenn es vielleicht nicht lange hält? Ist die Kommodifizierung nicht auch eine Form von Demokratisierung?
Vielleicht. Und dennoch bleibe ich bei meiner Haltung: Kunststoff hat seine Berechtigung, wenn er ehrlich eingesetzt wird. Aber zu oft wird er als Ersatz verwendet, nicht als Material mit eigenem Ausdruck. Zu oft wird er zur kurzfristigen Lösung, die langfristig mehr nimmt, als gibt.
Was ich mir wünsche, ist keine elitäre Welt der Handanfertigungen, sondern eine neue Wertschätzung für das Dauerhafte, das Pflegbare, das Ehrliche.
Zwischen Täuschung und Transformation: die dialektische Ehrlichkeit
Nicht jede „Materialtäuschung“ ist negativ – manchmal ist sie geradezu poetisch. Es gibt eine Form der ehrlichen Unehrlichkeit, die ich zutiefst schätze: Wenn ein Objekt offenlegt, dass es täuscht – und genau darin seine Meisterschaft zeigt.
Ein Paradebeispiel ist für mich die klassische Marmorstatue: Sie gibt nicht vor, echte Haut oder echten Stoff zu sein – und dennoch suggeriert sie es mit solch technischer und künstlerischer Präzision, dass das Material in eine neue Bedeutungsebene übergeht. Der Stoff wirkt weich, die Haut lebendig – obwohl der Marmor kühl und hart ist.
Das wohl eindrucksvollste Beispiel: The Veiled Virgin (Giovanni Strazza, 19. Jahrhundert). Der Schleier, fein aus einem einzigen Marmorblock gehauen, wirkt durchscheinend, zart, lebendig – und zeigt eindrucksvoll, wozu Materialkunst imstande ist.
Solche Objekte transformieren Material nicht zur Täuschung, sondern zur Huldigung seiner Wandlungsfähigkeit. Was sie alle verbindet: Sie wollen nicht verstecken, was sie sind – sondern zeigen, wozu ein Material imstande ist, wenn man ihm auf Augenhöhe begegnet.
Die Täuschung ist hier kein Verrat, sondern ein Kompliment.
Ein persönliches Plädoyer
Ich will keine perfekte Welt. Ich will eine echte.
Eine, in der nicht alles makellos ist – aber vieles bedeutungsvoll.
Eine, in der wir mit Dingen leben, statt sie nur zu benutzen.
Eine, in der Materialien ihre Geschichte erzählen dürfen.
Vielleicht geht es dabei auch um mehr als nur Möbel oder Pflanzen. Vielleicht geht es um unsere Haltung zum Altern, zum Unvollkommenen, zum Würdevollen. Wir sollten lernen, dass Makel keine Schande sind – weder bei Dingen noch bei Menschen. Dass Gebrauchsspuren Geschichten erzählen. Dass Patina ein Zeichen von Leben ist.
Das gilt nicht nur für Holztische, sondern auch für Gesichter, für Beziehungen, für Lebensläufe. Ein ehrliches Leben ist selten ein makelloses – aber vielleicht ist genau das seine Stärke.
Und vielleicht ist das alles keine Designphilosophie. Vielleicht ist es einfach nur ein Wunsch:
Dass unsere Umgebung uns nicht nur gefällt – sondern uns etwas bedeutet.











