Ein Essay über das stille Verschwinden kulturellen Designs und das „Race to the Bottom“
Einleitung: Als Produkte noch Geschichten erzählten
Es gab eine Zeit, da konnte man einem Produkt ansehen, woher es kam. Italienische Autos waren schön, exzentrisch, oft unzuverlässig, aber voller Charme. Japanische Kameras waren reduziert, pragmatisch, präzise. Deutsche Küchengeräte waren schwer, robust und funktional. Produkte waren Botschafter von Herkunft und Haltung. Sie trugen eine Handschrift, eine kulturelle Semantik, manchmal sogar eine Ethik. Ein Toaster konnte „deutsch“ sein. Ein Radio konnte Italienisch wirken. Eine Kamera aus Japan hatte nicht nur Funktionen, sondern auch ein implizites Werteversprechen.
Heute? Man erkennt bestenfalls noch, ob ein Produkt von Apple ist. Alles andere: Einheitsbrei. Entworfen von anonymen Design-Teams, gefertigt in denselben Industriezonen, verkauft unter austauschbaren Namen. Das Resultat ist ein Markt, in dem der Verbraucher kaum noch Orientierung hat – außer dem Preis. Und das verstärkt einen zynischen Trend: Wenn ohnehin alles gleich aussieht, warum dann mehr zahlen?
Von der Handschrift zur Lizenzhülle
Marken wie AEG, Telefunken, Blaupunkt, Grundig oder Thomson standen einst für technische Exzellenz, Ingenieurskunst, Langlebigkeit. Sie wurden zu Symbolen des deutschen Wirtschaftswunders, waren Inbegriff von Solidität und Anspruch. Heute sind sie nur noch Markenreste, lizenziert an beliebige OEMs, die beliebige Produkte auf beliebige Weise fertigen. Ein AEG-Staubsauger hat mit dem ursprünglichen Unternehmen AEG nichts mehr zu tun. Ein „Grundig“-Fernseher wird heute irgendwo in der Türkei oder China produziert, mit Elektronik von Drittanbietern und Support nach Verfügbarkeit.
Die Marke ist zur grafischen Kulisse verkommen. Ein Label für Vertrauen, das nicht mehr existiert. Was besonders perfide daran ist: Dieses Vertrauen wird gezielt ausgenutzt. Die Lizenzstrategie vieler Handelsunternehmen basiert darauf, dass vor allem ältere oder technikferne Kundinnen und Kunden beim Namen „AEG“ oder „Telefunken“ instinktiv an frühere Qualität denken. Es ist ein bewusstes, geradezu räuberisches Ausnutzen des Goodwills vergangener Jahrzehnte. Niemand klärt auf, dass hinter dem vermeintlich bekannten Namen heute gänzlich andere Strukturen, Fertiger und Verantwortlichkeiten stehen. Die Folge ist eine schleichende Enttäuschung – aber eben nur im Einzelfall. Denn sobald der Schaden auffällt, ist die Marke bereits weitergereicht oder verbrannt. Die Werbekraft des Logos wird so lange ausgeschlachtet, bis der Name entwertet ist – und dann ersetzt durch den nächsten, noch nicht verbrauchten. Es ist das Prinzip der Wegwerf-Marke.
Temu ist nicht das Problem – Temu ist das System zu Ende gedacht
Wenn heute über Plattformen wie Temu geschimpft wird, dann zu Recht – aber oft zu kurz gegriffen. Temu ist nicht der Anfang, sondern der Endpunkt. Der konsequenteste Ausdruck eines Markts, der jahrzehntelang selbst alles daran gesetzt hat, sich über den Preis zu definieren. Wenn „Made in Germany“ irgendwann keine Rolle mehr spielt, dann ist der Weg frei für Anbieter, die Whitebox-Produkte mit erfundenen Namen wie „AIOU“, „ZXTech“ oder „HOMAX“ für 3,99 € anbieten – ohne Support, ohne Herstellerhaftung, ohne Herkunft.
Die Verantwortung? Auflösbar. Der Name? Wegwerfbar. Der Anspruch? Unwichtig. Es geht nicht mehr um Vertrauen, sondern um Transaktionsoptimierung. Die Produkte werden anonymisiert, die Marken nur noch als visuelle Trigger genutzt. Niemand erwartet mehr Qualität, nur Funktion zum Tiefstpreis.
Das Race to the Bottom
Temu ist die marktwirtschaftliche Endform des sogenannten Race to the Bottom:
- Wo Produktqualität nur noch Kostenfaktor ist,
- Design nur noch eine Rendergrafik fürs Marketing,
- Support ein Luxus,
- und Konsumentenkompetenz als hinderlich empfunden wird.
Dieses Rennen wurde jedoch nicht von China begonnen, sondern von westlichen Marken selbst:
- Durch Outsourcing ohne Kontrollinstanz,
- durch die Einführung von Value Lines, die den Anspruch unterlaufen,
- durch geplante Obsoleszenz und nicht reparierbare Produkte,
- durch das systematische Training der Konsumenten auf Schnäppchenmentalität.
Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Die Auflösung von Autorschaft. Es gibt keine Handschrift mehr, keine Unterschrift. Design entsteht nicht aus Haltung, sondern aus Kompromiss. Wo früher ein Dieter Rams oder ein Ettore Sottsass für Klarheit und Vision standen, agieren heute interdisziplinäre Teams auf Basis von A/B-Tests und Zielgruppenanalysen. Das Ergebnis ist funktional, gefällig – aber ohne Charakter.
Und die Verbraucher? Wurden darauf trainiert. Jahrzehntelang. „Geiz ist geil“, „Mehr für weniger“, „Top-Technik zum Tiefpreis“. Wer sollte da noch verstehen, was ein gutes Produkt eigentlich ist? Selbst bei Premiumanbietern wie Bosch, Miele oder Lenovo muss man heute genau hinschauen, welches Segment man kauft – und ob die Wertigkeit noch mit dem Namen übereinstimmt.
Der Verlust kultureller Tiefe
Was früher selbstverständlich war – ein Produkt als Ausdruck von Herkunft, Anspruch, Handschrift – ist heute exotisch. Und damit nahezu bedeutungslos.
Beispiele?
- Die italienischen Transistorradios der 60er Jahre – wie die von Brionvega – waren funktionale Skulpturen. Sie zelebrierten Form, Farbe, Material.
- Ein T3-Kofferradio von Dieter Rams für Braun war keine Box, sondern eine Haltung. „Weniger, aber besser“ war nicht Werbeslogan, sondern Ethos.
- Eine Schreibmaschine wie die Valentine von Olivetti/Sottsass war nicht nur Werkzeug, sondern ein politisches Statement gegen graue Zweckmäßigkeit.
Und heute? Ein Bluetooth-Lautsprecher ist eine schwarze Gummiwurst mit USB-C. Ein Staubsauger ist ein Akku-Knochen mit LED. Die „Produktwelt“ ist zur Warenkulisse geworden. Alles funktioniert – aber nichts erzählt mehr etwas.
Gibt es einen Ausweg?
Vielleicht. Aber er wird nicht bequem, denn er verlangt ein radikales Umdenken – und vor allem eine politische und ökonomische Ehrlichkeit, die derzeit kaum zu finden ist.
- Regulatorisch? Der Ruf nach Markenhaftung klingt naheliegend, doch in der Realität ist das oft zahnlos. Wenn der angebliche Hersteller in Shenzhen sitzt, ohne ladungsfähige Adresse und mit wechselnden Briefkastenfirmen operiert, helfen selbst EU-weite Kennzeichnungspflichten wenig. Rechtlicher Zugriff? In der Praxis kaum durchsetzbar. Die reale Marktverzerrung bleibt bestehen.
- Der eigentliche Hebel liegt bei den externalisierten Kosten. Wenn man die Marktlogik ernst nimmt, dann darf sie nicht nur gelten, solange sie bequem ist. Ein Markt kann nur effizient sein, wenn er alle Kosten einpreist. Aktuell jedoch tragen westliche Hersteller Strompreise, CO2-Zertifikate, Umweltauflagen, Arbeitsrecht – während importierte Billigware all das umgeht. Wer die Marktmechanismen verteidigt, muss sich auch dafür einsetzen, dass sie nicht durch Externalisierung pervertiert werden. Es ist geradezu absurd, dass ausgerechnet diejenigen, die sich lautstark als Verfechter des freien Marktes gerieren, diese systemischen Ungleichgewichte dulden oder sogar aktiv fördern. Der Markt, so wie er heute funktioniert, ist nicht frei, sondern asymmetrisch verzerrt – zugunsten derer, die sich keiner Verantwortung stellen müssen.
- Notwendig wäre eine CO2- und Ethik-Bepreisung für Importwaren, orientiert an den Standards, die wir von inländischer Produktion erwarten. Dazu gehören Energieverbrauch, Umweltverschmutzung, Arbeitsschutz und Unternehmensverantwortung. Nur so lässt sich eine globale Wettbewerbsverzerrung entschärfen.
- Protektionismus? Ja – als Schutz des fairen Wettbewerbs. Der Begriff ist historisch belastet, aber ökonomisch begründbar: Ohne eine zumindest teilweise Korrektur der Preisverzerrungen durch globale Deregulierung bleibt jede Forderung nach Qualität, Verantwortung und Nachhaltigkeit zynisch. Denn wer Temu mit Miele vergleicht, vergleicht Äpfel mit Asphalt. Und auch hier zeigt sich die strategische Kurzsichtigkeit: Während westliche Märkte mit aller Kraft offen gehalten werden, arbeitet China systematisch daran, seine eigene Industrie zu bevorzugen. Chinesische Firmen erhalten Subventionen, Schutzmaßnahmen, strategische Aufträge – und der Marktzugang wird für ausländische Anbieter schleichend erschwert. Was also passiert, wenn der Punkt erreicht ist, an dem westliche Firmen den chinesischen Markt verlieren – und gleichzeitig ihren Heimmarkt an Importdumping verschenkt haben? Die Antwort ist einfach: Sie verschwinden.
Schlussgedanke: Ein Produkt als kulturelles Bekenntnis
Ein Produkt darf mehr sein als seine Transaktion. Es kann ein Ausdruck sein. Ein Bekenntnis. Ein Objekt mit Geschichte. Und im besten Fall: ein Teil unserer kulturellen Identität.
Wenn wir es zulassen. Und den Mut aufbringen, dem billigsten Angebot zu widerstehen.
Anmerkung: Dieser Artikel versteht sich als Kritik eines Systems, nicht einzelner Konsumenten. Die zunehmende Orientierungslosigkeit im Markt ist nicht die „Schuld“ der Kunden, sondern das Resultat struktureller Entkopplung von Design, Herkunft und Verantwortung. Es wird Zeit, wieder darüber zu sprechen.




