Einleitung: Hägglunds Zeitkritik und ihre Grenzen
Martin Hägglunds This Life hat mich mit seiner grundlegenden ethischen Kritik am Kapitalismus zum Nachdenken gebracht. Seine zentrale These: Unsere Lebenszeit ist unser kostbarstes Gut, und doch wird sie im kapitalistischen System in Dienst genommen, fremdbestimmt, ausgebeutet. Wir arbeiten effizienter, produktiver – und doch erhalten wir diese Zeit nicht zurück. Sie fließt in Profite, nicht in Freiheit.
Hägglunds Antwort: Eine demokratische Zeitwirtschaft, in der nicht der Profit, sondern die gerechte Verteilung von notwendiger und freier Zeit im Zentrum steht. Eine Gesellschaft, in der alle gemeinsam bestimmen, was als notwendig gilt, und in der die Automation nicht zur Steigerung von Gewinnen führt, sondern zur Rückgewinnung von Lebenszeit.
Doch so faszinierend seine Kritik auch ist, sie bleibt für mich ökonomisch zu unbestimmt. Wer schrubbt die Böden? Wer reinigt die Kanalisation, wenn Arbeit als moralische Pflicht, aber nicht mehr als Erwerb verstanden wird? Wie wird Arbeit verteilt, wenn niemand mehr aus Not arbeitet? Hägglunds Utopie beantwortet diese Fragen nicht. Sie entzieht sich dem realpolitischen Boden.
Ich habe kein fertiges Gegenmodell. Aber ein Gedanke hat sich bei mir verfestigt: Die größte Ungleichheit entsteht nicht durch Einkommen oder Konsumverhalten. Sie entsteht durch Geburt. Und sie wird durch Erbschaft zur Struktur erhoben – reproduziert über Generationen hinweg, als stumme Voraussetzung des vermeintlichen Leistungsprinzips.
Der eigentliche Systemfehler: Reichtum ohne Leistung
Kapitalismus behauptet, auf Leistung zu basieren. Wer viel leistet, soll viel bekommen. Doch was ist mit denen, die mit Millionen starten, bevor sie je eine Leistung erbracht haben? Was ist mit denen, die nichts erben, obwohl sie nie eine faire Chance hatten?
Erbschaft ist keine Leistung. Sie ist nicht verdient. Sie ist das Resultat eines biologischen Zufalls: der Geburt in eine bestimmte Familie. Wer Eltern mit Vermögen hat, wird besser wohnen, besser ernährt, besser gebildet, besser vernetzt sein. Nicht, weil er oder sie besser wäre – sondern weil der Startpunkt ein anderer ist.
Erbschaft wird häufig als „natürlich“ betrachtet, dabei ist sie ein soziales Konstrukt – gesetzlich erlaubt, aber keineswegs zwingend. Wir könnten sie anders gestalten. Oder ganz abschaffen.
Noch schwerer wiegt: Wer viel erbt, muss nicht produktiv sein. Kapital akkumuliert. Und mit jedem Todesfall wird ein weiteres Stück Gesellschaft dynastisch festgeschrieben. Häufig wird dieses Kapital nicht einmal mehr produktiv genutzt, sondern in Immobilien, Stiftungen oder Konzernanteilen geparkt. Und es bleibt dort – unverfügbar für die Gesellschaft, die seine Grundlage geschaffen hat.
Das ist nicht „Kapitalismus“ im eigentlichen Sinne – es ist eine feudalähnliche Struktur mit marktwirtschaftlicher Oberfläche. Der Mythos der Leistungsgesellschaft wird ad absurdum geführt, wenn sich Reichtum nicht aus Handlung ergibt, sondern aus Abstammung. Und mit jedem Generationswechsel verhärtet sich diese Struktur weiter. Der Markt verliert seine Dynamik, wenn das Spiel nie wirklich neu beginnt.
Eine Systemkorrektur: Das Vermächtnis der Gemeinschaft
Was, wenn man Erbschaft schlicht abschafft?
Was, wenn mit dem Tod einer Person auch das private Eigentum erlischt? Statt an die Nachkommen fließt es in einen Zukunftsfonds. Und dieser Fonds hat einen einzigen Zweck: Jedem Neugeborenen ein gerechtes Startkapital zu gewähren.
Ein frei verfügbares Grundkapital – keine monatliche Zahlung wie beim UBI, sondern ein echter Baustein: für eine Wohnung, für ein Studium, für eine Gründung. Ein Kapital, das Möglichkeiten schafft, ohne Verpflichtung. Jeder Mensch beginnt mit ähnlicher Perspektive. Unterschiede entstehen durch Entscheidungen, nicht durch Herkunft. Die soziale Mobilität würde nicht nur behauptet, sondern realisiert.
Das Modell beruht auf einer konsequenten Anwendung des Gleichheitsprinzips im Lichte des Determinismus. Nicht alle Menschen haben dieselben Fähigkeiten oder Voraussetzungen. Aber alle haben dasselbe moralische Anrecht auf eine faire Ausgangsposition.
UBI könnte zusätzlich aus dem gleichen Fonds gespeist werden, um jene aufzufangen, die im Leben scheitern – und zwar ohne moralisches Urteil. Denn im Determinismus gibt es kein „Verdienen“ im klassischen Sinn. Niemand wählt seine Veranlagung, seine Impulskontrolle, seine psychische Stabilität. Warum sollten wir also den einen für „Versagen“ bestrafen und den anderen für „Erfolg“ belohnen?
Darüber hinaus könnte man Erbschaft nicht vollständig abschaffen, sondern in Teilen als Vorkaufsrecht umgestalten. Dinge von emotionalem Wert – etwa ein altes Musikinstrument, ein Erbstück mit persönlicher Geschichte – wären oft ökonomisch wenig bedeutend. Erben könnten sie aus dem ihnen zustehenden Anteil im Zukunftsfonds „zurückkaufen“. So bliebe das Persönliche gewahrt, ohne dass dynastischer Reichtum übertragen wird.
Mir ist dabei völlig bewusst, wie unrealistisch ein solcher Vorschlag gemessen an der Emotionalität des Themas ist. Besitz ist nicht nur ökonomisch, sondern identitätsstiftend aufgeladen. Das Modell widerspricht tief verwurzelten Vorstellungen von Familie, Verantwortung und Weitergabe. Doch gerade, weil diese Vorstellungen so mächtig sind, lohnt es sich, sie infrage zu stellen. Denn sie sind nicht naturgegeben – sie sind kulturell gelernt.
Kapitalismus, aber fair: Kein Systembruch, sondern -umbau
Das System der Erbschaftsabschaffung würde nicht den Kapitalismus zerstören. Im Gegenteil: Es würde ihn von einem seiner größten Widersprüche befreien. Denn innerhalb eines Lebens könnte weiterhin Kapital erwirtschaftet, besessen und genutzt werden. Nur: Mit dem Tod endet auch das Eigentum.
Kein dynastischer Besitz, keine vererbten Imperien. Kapital fließt zurück – zur Gesellschaft, zur nächsten Generation. Das System atmet. Es friert Reichtum nicht ein, sondern lässt ihn zirkulieren.
Ein Nebeneffekt: Der Generationenkonflikt, der heute oft auf das Erbe projiziert wird – junge Menschen, die sich keine Wohnung leisten können, während Vermögen in der Elterngeneration gebunkert bleibt – würde entschärft. Es gäbe keine „Eigentumshürde“ mehr, keine Schuldgefühle beim Vererben oder beim Nicht-vererbt-Bekommen. Die nächste Generation würde kollektiv mit Ressourcen ausgestattet, nicht individuell privilegiert oder benachteiligt.
Ein weiterer Vorteil: Selbst in einem System, in dem Menschen aus egoistischen Motiven heraus handeln, würde durch den Mechanismus der Rückführung des Kapitals in den Fonds letztlich auch das Allgemeinwohl gestärkt. Der wirtschaftliche Erfolg des Einzelnen erhöht automatisch die Mittel für die nachfolgende Generation. Die Gesellschaft beginnt, tatsächlich an einer gemeinsamen Zukunft zu bauen.
Ökonomisch betrachtet handelt es sich dabei auch nicht um ein Nullsummenspiel. Zwar wird Kapital aus dem Markt entnommen, um den Fonds zu speisen – aber dieser Fonds ist selbst Teil des Markts. Er investiert, reinvestiert, schafft Rendite und stabilisiert durch seine breite Verteilung die Nachfrage. Der Fonds würde idealerweise als aktiver, langfristig ausgerichteter Investor agieren und dabei sowohl Kindergeld als auch die spätere Kapitalauszahlung – z. B. ab 18 oder 25 Jahren – finanzieren.
Die Mittel müssten also nicht in voller Höhe liquide bereitstehen. Vielmehr könnten sie langfristig angelegt werden und dabei schon während der Kindheit des Begünstigten wirken – durch Bildung, Sicherheit und Perspektive. Wer das Geld mit 25 dann auf den Kopf haut, hat trotzdem 20 Jahre von stabilen Marktinvestitionen profitiert. Und wer es klug nutzt, verstärkt die Dynamik erneut.
Familiengründung ohne Angst: Ein unterschätzter Hebel
Ein oft übersehener Vorteil dieses Systems liegt in seiner Wirkung auf die Geburtenrate. In wohlhabenden Gesellschaften ist Elternschaft mit erheblichen ökonomischen Risiken verbunden:
- Karriereeinschränkungen
- Kosten für Bildung, Betreuung, Wohnraum
- Unsicherheit über Zukunftsperspektiven der Kinder
Ein garantiertes Startkapital für jedes Kind – kombiniert mit einem bedingungslosen Kindergeld – könnte diesen Druck spürbar lindern. Eltern müssten sich weniger sorgen, dass sie ihre Kinder „nicht durchbringen“. Selbst in Haushalten mit geringem Einkommen wäre klar: Dieses Kind wird mit einer Perspektive aufwachsen.
Die Entscheidung für ein Kind würde damit weniger zum Akt der Selbstaufopferung und mehr zur bewussten Entscheidung für eine Zukunft.
Sozial, dynamisch, stabil
Im Unterschied zu Hägglund löst dieser Vorschlag nicht die Verbindung zwischen Leistung und Lohn. Wer unliebsame Arbeit leistet, wird weiterhin dafür bezahlt. Der Arbeitsmarkt bleibt bestehen. Nur die strukturelle Bevorteilung durch Geburt fällt weg.
Wer keine höhere Bildung absolviert, wird weiterhin Jobs übernehmen, die weniger prestigeträchtig sind – aber freiwillig, wissend, dass er dieselben Startchancen hatte wie jeder andere. Niemand ist mehr gezwungen, aus existenzieller Not Arbeit anzunehmen, die entwürdigend ist. Aber auch niemand kann sich auf ererbtem Reichtum ausruhen.
Es wäre ein System, das Freiheit nicht durch Gleichmacherei, sondern durch Gleichheit der Möglichkeit erzeugt. Neid verliert seinen Nährboden. Wer sich einen Sportwagen leistet, hat das nicht geerbt, sondern entschieden – vielleicht auf Kosten anderer Dinge. Wer wenig besitzt, hatte denselben Start. Die Unterschiede sind Folge von Entscheidungen, nicht von Ungleichheit. Das Resultat wäre keine nivellierte, sondern eine entkrampfte Gesellschaft.
Auch wirtschaftlich wäre das System nicht schwächer, sondern resilienter. Gebundenes Kapital würde frei, würde investiert, würde in Bildung, Unternehmertum, Konsum, Kreativität fließen. Es gäbe weniger Spekulation, mehr realwirtschaftliche Zirkulation. Es gäbe mehr Sicherheit, mehr Wagnis, mehr Teilhabe.
Und: Es gäbe weniger Angst. Angst, nicht genug zu hinterlassen. Angst, zu scheitern. Angst, zu wenig zu bekommen. Diese Form von Systemgestaltung wäre nicht nur gerechter – sie wäre menschlicher.
Fazit: Chancen verteilen, nicht verteidigen
Dieser Gedanke wird nicht auf ein Protestschild passen. Aber vielleicht findet er einen Platz im Denken jener, die Gerechtigkeit nicht nur als Verteilungsfrage, sondern als Strukturfrage begreifen. Kapitalismus ist nicht per se ungerecht. Doch er braucht ein Fundament, das den Zufall der Geburt nicht zur alles entscheidenden Variable macht.
Eine Abschaffung der Erbschaft wäre kein Akt der Rache gegen Reiche. Sie wäre ein Akt der Befreiung aller, die unter falschen Voraussetzungen ins Rennen geschickt wurden. Sie wäre ein Neuanfang, mit der Geburt als einzigem Resetpunkt.
Und vielleicht der erste echte Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der Leistung wirklich etwas bedeutet – weil sie nicht mehr geerbt werden kann, sondern aus Entscheidungen, Investition und Erfahrung hervorgeht. Eine Gesellschaft, die nicht Gleichheit simuliert, sondern Ungleichheit an ihrem Ursprung stoppt. Und vielleicht auch eine Gesellschaft, in der das Wort „Chancengleichheit“ endlich einmal mehr ist als ein rhetorisches Feigenblatt.
Das Ziel ist kein vollkommenes Gleichmaß, sondern ein faires Spiel. Eines, bei dem alle die Chance bekommen, mitzuspielen – ohne dass einige mit goldenen Spielfiguren starten, während andere ohne Brett beginnen müssen.